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Tote des 17. Juni 1953
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Paul Othma

14.11.1905 - 20.6.1969
gest. um 23.25 Uhr in Brehna


Paul Othma wird am 14. November 1905 in Radzionkau, Kreis Tarnowitz, als Sohn eines Malermeisters geboren, er erlernt das Elektrohandwerk und arbeitet zwanzig Jahre im damaligen Elektrowerk Bitterfeld (1921 bis 1941), dann in den Dessauer Junkerswerken. Nach dem Krieg macht er sich in seinem Wohnort Sandersdorf bei Bitterfeld als Elektromonteur, Radio- und Fernsehfachmann selbständig, doch die hohen Steuern für Selbständige zwingen ihn, aufzugeben. In Bitterfeld (jetzt beim Elektrochemischen Kombinat) findet er im März 1953 wieder Arbeit.

Am Morgen des 17. Juni fährt er mit einem Kollegen Kabelrollen und destilliertes Wasser aus, als er auf eine Ansammlung von Arbeitern trifft, die mit einem Funktionär diskutieren: Es geht um vier verhaftete Kollegen, von denen offenbar niemand weiß, wo sie geblieben sind. Als Othma dazukommt, wird er gleich zum Sprecher ernannt: "Du kannst doch gut reden", heißt es. Die Menge wächst an, der Funktionär zieht sich zurück, Paul Othma besteigt einen Hänger und fordert die Freilassung der politischen Gefangenen. Allgemeine Zustimmung, man holt ihn vom Hänger, ein Demonstrationszug formiert sich.

Othma geht an der Spitze über die Werkstraßen von einem Produktionsbereich zum nächsten, überall bekommt der Demonstrationszug Zulauf, vom Alu-Werk zum Kraftwerk, zum Säurewerk. In Sprechchören werden die Freilassung der politischen Gefangenen, freie und geheime Wahlen für ganz Deutschland, die Rücknahme der Normenerhöhung gefordert. An der Poliklinik schließen sich Schwestern und Pfleger an. Nun geht es am Casino vorbei, "die Intelligenz schaute aus den Fenstern heraus, und die Massen forderten die Intelligenz auf, sich anzuschließen." (1)

Vor dem Verwaltungsgebäude angekommen, wird in Sprechchören nach der Direktion verlangt. Vergeblich. Weiter geht es in Richtung Bitterfelder Innenstadt, andere Betriebsbelegschaften schließen sich an, in einem kilometerlangen, breiten Marschzug trifft man auf dem "Platz der Jugend" ein. Dreißigtausend Menschen sind da versammelt, als Paul Othma vom Dach eines Treckers als erster zu den Demonstranten spricht: "Arbeiterinnen und Arbeiter", ruft er, "wenn ich eure lachenden Gesichter hier sehe, dann könnte ich euch an mein Herz drücken vor Freude!"

Er fordert die Senkung der Normen und eine Preisreduzierung in den HO-Geschäften. Er hoffe, dass die Forderungen des Demonstrationszuges von der Regierung erfüllt würden. (2) Applaus, Bravorufe. Viel weiter kommt er nicht, andere Redner drängen vor. Ein Streikkomitee formiert sich. Schließlich wird der Propagandasekretär der SED-Kreisleitung zur Tribüne geschoben, er soll sich für die Wahlfälschung von 1950 rechtfertigen. Sein Anblick bringt die Menge in Wallung. Paul Othma ruft, man solle nicht so kleinlich sein, ihm eine Gasse bilden und ihn gehen lassen. Allgemeine Heiterkeit, der Funktionär bekommt seinen Abgang, die Situation ist entschärft.

Als Othma erfährt, dass die politischen Gefangenen aus der Untersuchungshaftanstalt befreit werden sollen, fährt er mit dem Trecker hin, um, wie er sagt, Blutvergießen zu vermeiden. Die Innenstadt ist unpassierbar; als er schließlich am Polizeigebäude eintrifft, fliegen Bilder und Transparente aus den Fenstern in eine johlende Menge. Die Polizei greift nicht ein. Als aber die Waffenkammer gestürmt werden soll, greift Paul Othma ein: "Ich forderte die reindrängende randalierende Masse auf mit guten Worten, sie sollten von den Waffen die Finger lassen und sollten nicht sich und ihre Familien unglücklich machen und Blutvergießen vermeiden".

Man wolle, sagt er, die freien Wahlen doch nicht "mit zerschossenen Körpern und Familienleid" erkaufen. (3) Er lässt ein Schloss anbringen, stellt Wachposten auf und ist froh, das Schlimmste abgewendet zu haben. Wieder einmal, denn Paul Othma wird noch mehrmals als Schlichter auftreten an diesem turbulenten Tag, an dem er als gewähltes Mitglied des Streikkomitees unter anderem daran beteiligt ist, ein Telegramm an die Regierung mit den Forderungen der Aufständischen zu entwerfen, andere Betriebe zur Solidarität zu gewinnen. Seine Verdienste als Schlichter werden mehrfach, auch von der Polizei, bezeugt, so dass man sie sogar vor Gericht anerkennen muss.

Das Urteil, das nach halbjähriger Untersuchungshaft über Paul Othma gefällt wird, übersteigt aber noch die Forderung der Staatsanwaltschaft, denn man hält ihn für einen der Initiatoren des Aufstands. Strafverschärfend wirkte gewiss seine ungebrochen aufrichtige Haltung zu den Ereignissen des 17. Juni und zu seinem Anteil daran.

Mit dem, was er am 17. Juni tat, sieht er sich im Recht, auch noch, als im November 1953 die Hauptverhandlung stattfindet und das Urteil verkündet wird. Seine Frau Hedwig erinnert sich: "Als der Richter ihm seine Aussagen in der Hauptverhandlung vorhielt (…), da widerrief mein Mann und sagte, dass das alles Lüge ist, dass sie das aus ihm herausgeprügelt hätten, wenn sie ihn nachts zu den Verhören holten. An ihm haben sie dann ein Exempel statuiert. Er musste für alle büßen. Als er das Urteil hörte: 12 Jahre Zuchthaus und keine Anrechnung der Untersuchungshaft und Einziehung des gesamten Vermögens, da ist er zusammengebrochen." (4)

Doch in die Knie gegangen ist er nie. Alle Bemühungen seiner Frau, aber auch von Freunden und nicht zuletzt von ihm selbst, sein Verfahren wieder aufzunehmen oder doch wenigstens eine Haftverschonung zu erwirken, blieben erfolglos. Was immer wieder damit begründet wurde, dass der Verurteilte sich hartnäckig weigere, sein Verbrechen einzugestehen. Noch am 21. Juli 1964 wird ein Antrag auf Haftverschonung mit der Begründung abgelehnt: "Zu seiner Verurteilung bezieht er auch heute noch seinen alten Standpunkt, dass er unschuldig wäre und für nichts und wieder nichts inhaftiert ist. Nach seiner Haftentlassung werde er für seine Rehabilitierung kämpfen." (5)

Wenige Wochen später wird er dann doch entlassen, nach elfeinhalb verbüßten Jahren, weil bei ihm inzwischen eine unheilbare Krankheit festgestellt worden war. Es wirft ein schlechtes Bild auf die Haftbedingungen, wenn jemand im Gefängnis stirbt. Dank der guten häuslichen Pflege stirbt Paul Othma erst 1969 an den Folgen seiner Haft. (6)

Seine Rehabilitierung kommt spät, aber nachdrücklich: 50 Jahre nach dem Arbeiteraufstand kann seine Frau am Bitterfelder Rathaus eine Gedenktafel für Paul Othma enthüllen. (7) Und am 17. Juni 2003 wird das Sport- und Gemeindezentrum in seinem Heimatort Sandersdorf in "Paul Othma Haus" umbenannt.





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1 "Eigenes Geständnis" vom 12.8.1953, zitiert nach: Heidemarie Schmidt/Paul Werner Wagner, " ... man muß doch mal zu seinem Recht kommen ... ". Paul Othma - Streikführer am 17. Juni 1953 in Bitterfeld, Reihe Sachbeiträge Nr. 17, herausgegeben von der Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Sachsen-Anhalt, Magdeburg 2001, S. 33.
2 Stefanie Wahl/PaulWerner Wagner (Hg.), Der Bitterfelder Aufstand, Leipzig 2003, S.64 ff.
3 "Eigenes Geständnis" vom 12.8.1953, zit. nach: Schmidt/Wagner, " ... man muß doch mal zu seinem Recht kommen ... ", S. 36.
4 Gespräch, das Heidemarie Schmidt mit der Ehefrau Hedwig Othma am 14. März 2001 in Sendenhorst bei Münster führte, zit. nach: Schmidt/Wagner, " ... man muß doch mal zu seinem Recht kommen ... ", S. 5 ff.
5 Zit. nach: Schmidt/Wagner, " ... man muß doch mal zu seinem Recht kommen ... ", S. 82.
6 Er wurde auf dem Friedhof in Sandersdorf beerdigt. Das Grab existiert noch.
7 Strafrechtlich rehabilitiert wurde Paul Othma am 21.8.2001.


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